Die STASI nannte ihn „Betrüger“ - Eine deutsch-ungarische Geschichte -
Peter Schräpler
Die STASI nannte ihn „Betrüger“
Eine deutsch-ungarische Geschichte -
aus der "DDR" über Ungarn in den Westen
Herausgabe: Januar 2014

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Eine deutsch-ungarische Geschichte
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Auszug:

Wir kamen zwar gut in Ungarn an, aber irgendwie dampfte der Motor wieder. Wir ahnten Schlimmes. Das Projekt „Gartenzaun“ musste erst einmal zurückgestellt werden. Der Skoda bekam wieder Priorität und auch alles andere trat in den Hintergrund.
Erneut fuhren wir nach Bicske. Zum zweiten Mal baute „unser“ Automechaniker den Zylinderkopf ab und kam mit ihm ebenso triumphierend wie beim letzten Mal in sein Wohnzimmer, wo wir sehr verunsichert auf seine Rückkehr gewartet hatten. „Kaputt“, lautete sein Kommentar, „da werdet ihr wohl einen neuen kaufen müssen“. Ich blies meine Backen auf und verfiel in sichtbaren Frust. Wie sollten wir von unserem bescheidenen Einkommen einen Zylinderkopf kaufen? Das hätte über Monate den finanziellen Notstand bedeutet.

Schließlich ließen wir den Wagen bei ihm stehen, und er fuhr uns und den Zylinderkopf mit Riss nach Hause. Am nächsten Morgen merkten mir meine Arbeitskollegen meine psychische Schräglage an. Nicht so unser „Boss“, ein nettes Kerlchen mit ebenso netten Manieren. Er verkörperte eine gesamte ungarische mittlere Klasse – ich würde sagen: unteres mittleres Management. Gemäß sozialistischer Interpretation von Karl Marx hätte ich ihn zum Proletariat zählen müssen, weil das die Gesamtheit der Lohnarbeiter ist, die kein Eigentum an Grund und Boden oder an den Produktionsmitteln hat und dem Kapitalisten ihre Arbeitskraft zur Verfügung stellt. Nach unseren Maßstäben lebten er und seine Frau in ärmlichen und äußerst beengten Wohnverhältnissen. Vielleicht musste er deshalb nach außen präsentieren.

So kam er immer im schicken Anzug und einer teuren und eleganten, hellbraunen Rindslederaktentasche ins Büro. Hier begann die Rückverwandlung des Prinzen in einen Frosch. Er stellte in alltäglicher Routine seine Aktentasche wie einen Miniaturparavent auf seinen Schreibtisch und entledigte sich seiner Hose.
Xenia, die einzige weibliche Mitarbeiterin, schaute dann immer scheu auf den Hof und beobachtete die rangierenden Exportcamions. Cípos [sprich: Schieposch] – ihr Chef - zog sich dann eine Alltagshose und eine alte Jacke an, die er im Büroschrank aufgehängt hatte. Fein sorgfältig wurde nun die Präsentationshose auf dem Kleiderbügel ausgerichtet und wie bei einem höfischen Zeremoniell in seinen Schrank gehängt. Erst nach dieser Verwandlung nahm er seine eigentliche Arbeit auf.

Nach dem Motto „Mehr Schein als Sein“ gestaltete sich auch sein Frühstück. Ungarische Salami war für den durchschnittlichen Ungarn etwas kaum Erreichbares, weil sie finanziell im obersten Preissegment angesiedelt war. Trotzdem konnten es manche nicht lassen, damit zu imponieren. Csípos tat es regelmäßig. Mitunter zeigte er auch menschliche Größe und reichte dem Lehrling Tíbor, für den Pick-Salami fremd und unerreichbar wie russischer Kaviar war, drei hauchdünne Scheiben hinüber. Deutlich konnten wir sehen, wie danach sein Brustkorb schwoll, während Tibor, der Lehrling, sich genüsslich die erste Scheibe einverleibte.

So hatte ich täglich meinen morgendlich erheiternden Arbeitsbeginn. Sándor (ein ehemaliger Gastarbeiter in der DDR, mit dem ich mich blendend verstand) schmunzelte ebenso wie ich über die Frühstückszeremonie. Für ihn - der alleinstehend war - und mich gehörte ungarische Salami zum Alltag. Daran wollten wir auf keinen Fall sparen, eher noch am Zylinderkopf. Irgendwie hatte es mir der intensive Geschmack der ungarischen Salami ebenso angetan wie die Produkte der Mangaliza-Schweine, einer Schweinerasse mit Hängebauch und zotteligem, schokoladenbraunem Fell, deren „gutes“ Cholesterin sogar einer gesunden Ernährung dient und eine ausgesprochen heilende Wirkung haben soll. Ihr Vorteil ist der hohe Anteil von gesundem Fett mit einem hohen Anteil von Omega-3-Fettsäuren, die als eine spezielle Gruppe innerhalb der ungesättigten Fettsäuren zählen. Da sie zu den essentiellen Fettsäuren gehören, sind sie sehr lebensnotwendig, zumal sie vom Körper nicht selbst hergestellt werden können. Damals ahnte ich noch nicht, dass dreißig Jahre später aus dem Verzehr des relativ teuren, weil so gesunden Fleisches des Mangaliza-Wollschweins eine Ernährungskultur wurde.

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